TYPO3 Musterprojekt - Donnerstag, 25. Mai 2017
Druckversion der Seite: Kurzgeschichten
URL: daszitat.de/kurzgeschichten/


Kurzgeschichten bieten immer wieder Gelegenheiten zum Nach- und Weiterdenken. Nicht selten auch zum Schmunzeln.

Hier zu Stöbern wird bestimmt zum Vergnügen!

 

Weihnachten 2016

 Für meine Kinder und alle Menschen die ich liebe.)
… und es gibt mehr Dinge zwischen Himmel und Erde als wir uns vorzustellen wagen!

Weihnachten 2016
Diese Geschichte ist nur fast eine Weihnachtsgeschichte, auch wenn sie nicht an einem Weihnachtsabend geschah und es in dieser Geschichte nichts gibt was in einer klassischen Weihnachtsgeschichte eigentlich Standard sein sollte.  Abgesehen vom Schluss der Erzählung wenn alles wieder gut wird. Das war, so wie es geschah, selbst für mich, der ich in diesem Moment auf alles, aber wirklich auf alles vorbereitet war, wirklich überraschend und ja, … das würde zu einer Weihnachtsgeschichte passen!
Also lasse ich diese kleine Geschichte  jetzt einfach mal als Weihnachtsgeschichte durchgehen.
Inwieweit ich damals “mir was eingebildet hatte“, oder Phantasie und Wirklichkeit in den Jahren durcheinandergeraten sind. Ich weiß es nicht. Aber das da Phantasie und Realität sich verwischen ist doch auch ein „Weihnachtselement“ an das ich immer gerne glauben werde!

Die Geschichte meines Lebens und alles was damit passierte, einschließlich meiner Träume Erwartungen und Phantasien ist mein einziger, ganz wirklicher eigener, wenn auch flüchtiger Besitz, und ist darum das Einzige das ich mit jemand teilen kann …, wenn ich will. Mehr habe ich nicht anzubieten. Und mit euch meine Freunde will ich es gerne teilen.
 
Einleitung
  Es war irgendwann im Februar 1990 und ich lebte seit etwa drei Jahren in Nicaragua, als die Geschichte die ich hier erzählen werde begann. Es handelt sich nicht um ein großes Abenteuer, sondern eher um ein, wie ich hinterher feststellte, erregendes und einschneidendes  Erlebnis in meinem Leben, das mir in seiner vollen Bedeutung erst viele Wochen, ja sogar Monate später nach dem es geschehen war, so nach und nach bewusst wurde. Um alles zu „übersehen“ und zu erfassen was geschehen war brauchte ich aber Jahre.
 
  Über dieses Ereignis habe ich bisher noch nie mit einem Menschen gesprochen, weil dieses Geschehen so persönlich war, dass es ohne Zweifel Reaktionen bei dem Zuhörer auslösen würde die nicht unbedingt positiv sein müssten. Ja ich wusste selbst nicht so recht ob das alles real gewesen war, oder ob ich nur für einen Augenblick „gesponnen“ hatte. Davor hatte ich ehrlich gesagt Angst und ja, ich schämte mich auch nachträglich so ein bisschen über meine Schwäche, die ich, wenn ich ehrlich sein will auch erwähnen muss. Denn das ist ja der eigentliche Inhalt dieser kleinen Geschichte! Meine menschliche Schwäche!
 
Ich war am Ende! Meine Frau hatte mich verlassen und war mit den Kindern, und einem anderen Mann weg, alles was ich besessen hatte war mir auf Grund einer politischen Verleumdung von der Regierung konfisziert worden, meine Kinder waren weit weg, fast unerreichbar für mich, in Managua, ich lebte in einem fremden Land und Freunde hatte ich keine und ich hatte natürlich auch kein Geld da mein Bankkonto gesperrt worden war. Mein allgemeiner gesundheitlicher Zustand war sehr schlecht und zu allem Überfluss war ich auch noch herzkrank und man hatte mir im Krankenhaus in Jinotega gesagt dass ich eine Operation brauchen würde die etwa achttausend bis zehntausend US $ kosten sollte, Geld das ich nicht hatte und das ich, bei den familiären Verpflichtungen die ich hatte, auch niemals haben würde. Das alles geschah in einem Land das mir, trotz aller meiner ehrlichen Bemühungen mich in seiner Kultur zu orientieren, immer noch in vielen Bereichen fremd war. Auch fehlte es mir noch sehr an der Möglichkeit mich auszudrücken, da meine spanischen Sprachkenntnisse damals noch sehr mangelhaft waren und sich nur auf notwendiges und alltägliches beschränkte.
 
  Das sollte also das Ende sein! Ich hätte es mir eigentlich immer ganz anders vorgestellt. Das ich erschossen werden würde war doch oft wesentlich wahrscheinlicher gewesen als das Ende das ich mir jetzt selbst ausgewählt hatte. Oder dass mich irgendeine giftige Schlange oder sonst ein giftiges Vieh, die es hier ja im Überfluss gab mich gebissen hätte. Dass ich von einer der Kriegsparteien gefangen genommen worden wäre und dann, als Kollaborateur mit dem Feind einfach „verschwunden“ wäre, Entführung, Gefangennahme durch die Rebellen, Gefangennahme, die Flucht durch die Berge, es hätte wirklich viele Möglichkeiten gegeben wie meinem Leben hätte ein Ende gesetzt werden können. Aber immer wieder, auch in den schwierigsten Situationen war es mir gelungen, und oft, ohne eigentlich zu wissen wie, auf unglaubliche und  abenteuerliche Weise dem Tod von der Schippe zu springen. Ich hatte wirklich, mit einer unglaublichen Überheblichkeit und Arroganz, immer fest von mir geglaubt das ich  so eine Art von Steh-auf-Männchen war, für das es kein endgültiges umfallen und liegenbleiben gab!
 
  Aber jetzt war es auf ein mal anders! Alles war mit einem Mal so sehr verändert. Ich war so tief erschöpft und zerschlagen, so grenzenlos einsam und völlig hilflos, nach sovielen Kämpfen einfach ohne Kraft zum weiterkämpfen und körperlich und geistig krank. Meine Gedanken waren mir keine Hilfe. Sie waren im Verlaufe der Zeit so völlig chaotisch und unbeherrschbar geworden so dass ich keinerlei Kontrolle mehr über sie hatte. Ich war einfach nicht mehr fähig klar zu denken. Mein Intellekt war verloren gegangen und durch eine Art andauernden Angst und Panik Instinkt ersetzt worden. Mein Zustand schwankte lange Zeit ständig hin und her zwischen resignieren und neu anfangen. Zwischen der Hoffnung, es doch zu schaffen, und der völligen, und allertiefsten Hoffnungslosigkeit. Ich konnte auch bei aller Anstrengung nichts entscheiden, ich war einfach unfähig dazu. Diese Unfähigkeit dass ich nicht einmal in der Lage war eine Entscheidung für mich selbst zu treffen, nahmen mir darüber hinaus die wenigen Kräfte die ich noch hatte, und so stürzte ich immer tiefer und immer schneller in den Strudel des so wohltuendenTodeswunsches.
 
Ich hatte auch bei aller Anstrengung beim Nachdenken niemanden gefunden dem ich bewusst irgendetwas bedeutet hätte und für den ich auch hätte gern leben wollen!
 
  Und jetzt das, … das sollte also das Ende sein. Ich wollte mich selbst erschießen. Das war mein großer, mein genialer Plan! Ich wollte eine einsame Stelle suchen und mich mit meinem 38er Colt erschießen! Das, so schien es mir, war kurz und schmerzlos und die beste Art mit dem ganzen Chaos das mich umgab endgültig aufzuräumen und zur Ruhe zu kommen.  Ich war in diesem Zustand einfach nicht mehr in der Lage, Vergangenheit und Gegenwart auseinander zu halten. Mein Tod erschien mir meine einzige in der Zukunft liegende Zufluchtsstätte, in die ich mich ohne ein Denken an schlimmes Vergangenes oder eine unvorhersehbare Zukunft zurück ziehen konnte. Ein anderer Weg blieb mir nicht so dachte ich.
 
  Aber wenn ich heute richtig nachdenke war ich eigentlich ja schon lange vor diesem Moment in dem ich den Entschluss gefasst hatte mich selbst zu töten, ohne es zu wissen, tot gewesen. Mein, über einen längeren Zeitraum langsam gereifter und mit der Zeit immer schneller wachsender Wunsch mich zu töten schien mir damals, in diesem Moment, so etwas wie eine, wenn auch paradoxe Art des Überlebens. Es erschien mir wie der letzte notwendige und folgerichtige Akt zur Rettung meiner selbst.
 
  Ich hatte keine Angst. Ich war gelassen und ruhig, der Entschluss war gefasst und nicht widerrufbar. Ich fühlte mich so stark, sicher und bestimmt wie seit langem nicht mehr. Außer der festen Absicht mich selbst zu töten hatte ich keine anderen Pläne über das Wann, Wo und Wie. In meinem Herzen war ich mir sehr sicher, es würde sich so ergeben dass es eindeutig in seiner Aufforderung wäre. Ich war sehr erleichtert dass es mir scheinbar wieder gegeben war über mich selbst zu bestimmen.
 
  Dann zählte ich nach was ich noch an Bargeld hatte, denn ich wollte soweit als irgend möglich mit dem Bus in Richtung Managua fahren und mich dort heimlich von den Kindern verabschieden. Mein Geld würde nicht reichen um bis Managua zu fahren aber bis Sebaco würde es reichen. Von dort aus waren es nur noch etwa einhundert Kilometer bis Managua. Die würde ich als Anhalter hinter mich bringen. Ich wollte die Nacht im Elternhaus meiner Frau bei den Kindern verbringen und mich dann am nächsten Morgen zurück nach Jinotega auf den Weg machen um dann dort mein Vorhaben, mich zu töten, zu verwirklichen.
 
  In San Rafael del Norte, dem Ort in dem ich wohnte stieg ich bei Don Tonio in den Linien-Bus bis Jinotega, die nächste größere Stadt. Ich war völlig gelassen und ruhig und war erstaunlicherweise sehr an allem interessiert was sich am Straßenverlauf abspielte. Leute stiegen ein und aus, Bauern luden ihre Ware, die sie in der Stadt verkaufen wollten, auf das Dach des Busses und verstauten sie dort. Die Leute, fast alles Bauern aus der näheren und weiteren Umgebung, von denen ich viele vom Sehen her kannte, unterhielten sich angeregt miteinander. Die Gespräche drehten sich wie immer in den Bussen auf dem Land, lautstark um Hühner, Kühe, Kinder, Krankheiten, Bohnen, Mais und ähnliches.
 
Ich nahm erstaunlicherweise das Leben um mich herum sehr bewusst wahr und es unterhielt mich sehr alle die großen und kleinen Probleme der Menschen zu hören, über die offen und oft lautstark geredet wurde, einfach weil ich wusste dass für mich jetzt schon alle Probleme gelöst waren. Es gab für mich keine Misshelligkeiten mehr sondern es würde endlich nur noch Erleichterung und Ruhe geben!
 
  In Jinotega angekommen musste ich auf den Bus nach Managua warten und genauso wie immer, wenn ich nach Managua reiste, kaufte ich mir fünf Beutelchen „Papa’s fritas“ (kleine Bratkartoffelstreifen) und so wie immer, bei der gleichen jungen Frau bei der ich immer kaufte wenn ich mit dem Bus nach Managua reiste. Es war alles gut und alles schien mir völlig richtig so wie es geschah. Dann kam irgendwann der Bus und parkte im überdachten Busbahnhof so dass die Leute einsteigen konnten. Es herrschte reges Treiben um mich herum. Verkäufer rannten schreiend, ihre Waren anbietend, hin und her. Kinder spielten zwischen den Fahrzeugen und die Passagiere der Busse schubsten und versuchten in die Autobusse einzusteigen. Überall war lachen, angeregte Unterhaltung und schimpfen und schreien zu hören. Mit einmal wurde mir klar dass ich, selbst in meinem Zustand und mit meinen Absichten, Teil von all diesem mich umgebenden Lebens war. Ich war noch nicht tot! Ich war aber, um es einmal so zu sagen, emotional völlig regungslos und wie losgelöst von allem was mich umgab. Ich existierte mittendrin in einer zähen Masse die an mir vorbeifloss, aber mir selbst jegliche Bewegung ungeheuer erschwerte und mir es fast unmöglich machte mich zu bewegen. Die es aber  unmöglich machte in ihrer zähen Konsistenz unter zu gehen. Sie band mich sozusagen an mich selbst und isolierte mich aber von allem was mich umgab. Es gab nichts mehr anderes, nur mich selbst.  Mein Bedürfnis alleine zu sein war groß und drängend. Ich setzte mich auf die Sitzbank die über dem hinteren rechten Radkasten war, denn dort war die Sitzbank schon solange die diesen Bus kannte kaputt  und niemand würde sich ohne Not dorthin setzten wollen. Ich wäre also während der Fahrt alleine und hätte keinen geschwätzigen Sitznachbarn.
 
 Die Fahrt verlief genauso wie alle Tage, der Bus rollte an und der Adjutant fing an die Gepäckstücke in der Gepäckablage zurecht zu rücken, Taschen und Säcke hin und her zu packen und das Fahrgeld von den Fahrgästen zu kassieren. Es wurde gescherzt, geredet und es war einfach alles so wie immer! Es war für mich so oder so tröstlich, diese Eintönigkeit des immer wiederkehrenden Verhaltens der Menschen wahrzunehmen. Denn irgendwie bestärkte mich die Gleichförmigkeit der Geschehnisse in ihrer mir sinnlos erscheinenden Wiederholung, in der Notwendigkeit meines Urteils  endlich Schluss zu machen.   Und auch hier, Leute stiegen ein, Leute stiegen aus, irgendwelche Lasten wurden geladen und abgeladen, es wurde geredet, getratscht, gelacht und gegrüßt und sich verabschiedet.
 
  Es schien mir ein trauriger Abklatsch des vorherigen Tages und des Tages vorher und dem Tag vorher, der sich wie auf einer Drehleier scheinbar immer und immer wieder wiederholte. Mir wurde wirklich speiübel von diesen ganzen, sich unendlich wiederholenden Duplikaten des Lebens. Alles war so abgestanden und schal, so völlig ohne Tiefgang! Ich hatte dem Adjutanten einfach das restliche Geld das ich hatte gegeben und gesagt dass er mir Bescheid sagen solle wenn ich aussteigen müsse. So fuhr ich ruhig bis kurz vor Matagalpa mit, wo mich der Busbegleiter darauf hinwies dass ich hier aussteigen müsse, da mein Fahrgeld nur bis hierher ausreichend sei.
 
Es war mir so was von einerlei und unter den erstaunten Blicken von einigen Fahrgästen stieg ich ohne zu reklamieren aus, obwohl hier eigentlich gar keine Haltestelle war. Einige Fahrgäste setzten sich sogar für mich ein und schimpften auf den  Adjutanten ein dass hier ja gar keine Haltestelle sei und er sich  meine Unwissenheit als Ausländer zunutze machen würde um mich um mein Fahrgeld zu betrügen. Das alles ging mir, um es einmal so plakativ zu sagen, völlig am Arsch vorbei. Es hätte auf dem Mond sein können wo er mich aussetzen würde und es wäre mir völlig gleichgültig gewesen. Punkt A war genauso gut wie Punkt B! Ich sah in der Aufforderung hier auszusteigen den von mir gesuchte Hinweis hier und jetzt und nirgendwo anders mein Vorhaben umzusetzen. Mein Wunsch meine Kinder zu sehen war völlig vergessen und rundweg aus meinem Gedächtnis ausgeblendet und vergessen.  Ich stieg aus und wartete am Straßenrand bis der alte schnaufende Bus außer Sichtweite war und dann erst schaute ich um mich um zu sehen wo ich war. Ich stand vor dem alten Steinbruch von Matagalpa, der sich dort, wo die Straße anfing sich zur Stadt hin abzusenken, befand. Ich fühlte wieder nach ob ich noch meinen Revolver im Schulterhalfter hatte und war beruhigt als ich das Metall spürte. Ich ging zu dem Eingang des verlassenen Steinbruchs und suchte mir dort einen schattigen Platz der von der Straße her nicht einsehbar war um mich auf einen Stein zu setzen. Auch auf die Gefahr hin dass ich mich wiederhole, ich war völlig ruhig, gelöst und entspannt.
 
Ja, wirklich, ich freute mich auf dem Moment in dem ich abdrücken würde! Es war jetzt etwa elf Uhr am Vormittag und trotz der heißen Sonne war es dort wo ich saß frisch und kühl, denn durch den Schatten der Felswand abgeschirmt, kam die heiße Sonne nicht hierhin wo ich saß. Jetzt auf einmal, konnte ich mich auch bei aller Anstrengung, nicht mehr an die vielen Gründe erinnern die mich ja eigentlich hierher gebracht hatten um meinem Leben hier ein Ende zu setzen. Ja nicht mal mehr an einen einzigen Grund konnte ich mich erinnern. Es fiel mir einfach nichts ein! Ich musste über mich selbst laut lachen, hier saß ich nun um mich selbst zu töten und wusste nicht einmal mehr warum.
 
Es war schon lächerlich. Mir war nur völlig klar dass es einfach sein musste. Es gab keine Alternative dazu!  Ich nahm den Revolver den ich neben mich auf den Stein gelegt hatte wieder in die Hand und schaute ihn nachdenklich an. Jetzt gleich würde es vorbei sein, ich wollte nur noch schnell die Patronen wechseln um sicherzugehen dass sich der Schuss auch wirklich lösen würde wenn ich abdrückte. Ich holte die Schachtel mit der Munition aus meiner Umhängetasche und lies gleichgültig die alte Munition auf den Boden fallen und ersetzte die Munition  in der Trommel durch neue Patronen. Als wenn ich mehr als eine Patrone gebraucht hätte. Nun war es also soweit …, jetzt gleich würde all das verfluchte Elend ein Ende haben. Ein Gefühl der Erleichterung und der erwartungsvoller Vorfreude überkam mich. Ja es war wirklich einfach ein sich freuen auf das was kommt! Ich hob den Revolver hoch und führte ihn an meine Schläfe. Dabei hob ich den Kopf an um mich noch einmal umzusehen bevor ich abdrücken würde, … und senkte wütend die Waffe da ich am Eingang zu dem Steinbruch einen Mann sehen konnte. Ich wollte keine Zeugen haben, ich wollte alleine sein in meinem Moment der Erlösung.
 
Ich war hochgradig wütend und dachte mir noch, wenn der nicht verschwindet lege ich ihn vorher um, aber ich würde mich nicht von irgendeinem dahergelaufenen Idioten stören lassen in meiner Wunsch meinen Frieden zu finden. Der Mann musste gesehen haben als ich mir die Waffe an den Kopf hielt. Er hielt aber unbeirrt weiter auf mich zu und setzte sich ohne ein Wort zu sagen direkt neben mich auf den großen Stein. Ich saß da wie ein Idiot, mit meinem Revolver in der Hand und überlegte aber noch kalt ob ich ihn einfach vorher umlegen sollte. Wer wollte mich dann hinterher wenn ich tot war noch zur Verantwortung ziehen? Ich war einfach furchtbar wütend über die Störung! Meine Wut war so groß dass ich ohne weiteres imstande gewesen wäre einen Menschen zu töten, nur weil er da war, einfach so! Der Mann saß da, nahe neben mir, so dass ich selbst in der herrschenden Mittagshitze fast seine Körperwärme zu spüren glaubte und er hatte  immer noch kein Wort gesagt oder irgendeine Regung gezeigt. Ich nahm mir vor den Unbekannten zu erschrecken um ihn so zu verscheuchen. Ich sagte zu ihm gewandt „Desaparezca hijo de puta o te mando al diablo.” (Verschwinde du Hurensohn oder ich schick dich zum Teufel) Jetzt sah ich die erste Regung in seinem Gesicht als er leicht lächelnd, leise sagte  „Con seguridad este no es posible Amigo.“ (Mit Sicherheit, das ist nicht möglich mein Freund)
 
  Was war das für ein Idiot? Glaubte er etwa dass er kugelfest sei?  Warum redete der nicht sondern saß nur da, so ganz nahe bei mir? In mir kam der Verdacht auf dass der Kerl vielleicht schwul war und vielleicht nur Kontakt suchte. Aber hier in diesem von Gott verlassenen Steinbruch? Aber gut, man weiß ja nie!
 
 Speziell hier in diesem Land. Jetzt erst schaute ich mir den Mann genauer an. Er war sehr groß, ich hätte ihn auf gut 1,90 Meter geschätzt und er war sehr breit in den Schultern. Seine Kleidung war einfach, eine guterhaltene  Jeans, ein reines weißes Hemd und  perfekt weise Tennisschuhe. Aber was mir besonders auffiel war  nicht seine auffallende Körpergröße, sondern er hatte nicht wie alle anderen Menschen einen Cowboy Hut oder eine Baseball Mütze auf, so wie es hier üblich war. Sein Haar war unbedeckt und fiel frei auf seine Schultern. Sein hellbraunes, Haar war relativ lang und von  einigen, fast blonden Strähnen durchzogen, machte aber einen sehr gepflegten Eindruck. Er schien auch keine Parfüm zu benutzen, zumindest konnte ich nichts riechen. Das Besondere  an ihm war aber seine Kleidung, sie war auffallend sauber, so als ob sie gerade gewaschen worden war. Aber anderseits sah man dass die Kleidung nicht neu war, vielleicht eher gebraucht gekauft, aber definitiv in einem sehr guten Zustand und wirklich außerordentlich sauber!  
 
Es ist nicht so dass die Menschen hier schmutzig wären, ganz im Gegenteil. Man legte hier normalerweise sehr viel Wert auf persönliche Körperpflege. Aber alles was man im Tagesverlaufs macht ist durch seine rustikale Art und Weise wie man es machen muss dazu geeignet selbst den saubersten Menschen zu verschmutzen. Sei es das man Brennholz zum kochen holt, die Kochstelle säubert, die unglaubliche Tageshitze die einen stark schwitzen lässt, der überall vorhandene Straßenstaub, die Feldarbeit, schmutzige Sitzbänke in den Bussen, alles ist damit verbunden das man sich auf irgendeine Art und Weise schmutzig macht.
 
Erstaunlicherweise war jetzt mein eigentliches Anliegen für einen Moment zurückgestellt und meine Neugierde war geweckt.
 
“De donde eres? Sos vos de aqui ?“ (Woher bist du? Bist du von hier?) Nun schaute er mich das erste Mal direkt an und ich sah dass er hellbraune Augen hatte und seine Nase war gerade und unterstrich die fast perfekte Symmetrie seines Gesichtes. Es war schwer zu schätzen wie alt er war. Er hätte 25 Jahre alt sein können oder 50. Es war in seinem Gesicht nicht festzustellen wie alt er letztlich wirklich war. Aber sicher war, es war ein schönes, sehr männliches Gesicht! „Tu sabes porque estoy aqui?” (Du weist warum ich hier bin?) fragte ich ihn aus einem wirren, unbestimmten Gefühl heraus und ich glaubte in seinem Gesicht zu erkennen das er so etwas wie Mitgefühl mit mir hatte. „Si hermano, yo lo se! Por eso estoy aqui!“ (Ja Bruder, ich weis es. Deswegen bin ich ja hier!) „Wie, was soll das, und was willst damit sagen, deswegen bin ich ja hier.“ Fragte ich erregt „Ja ich bin hier weil du mich ganz dringend brauchst und ich dir helfen kann.“ kam ruhig die Antwort. „Aber wer bist du? Wie kommst du dazu mir helfen zu wollen ich kenne dich ja nicht einmal?“ fragte ich zurück. „Ja ist das denn jetzt in diesem Moment wichtig wer ich bin? Ich glaube nicht!“ „Ich bin jetzt hier um jetzt, in diesem Moment bei dir zu sein. Nicht mehr und nicht weniger.“ „Du brauchst mich jetzt!“ stellte er noch abschließend fest. Sein Blick  hatte während er redete keinen Moment  aufgehört mir direkt in die Augen zu schauen. Unter diesem beständigen Blickkontakt war mir irgendwie ganz anders geworden. Es lag so viel Ruhe und Stärke in diesem Blick dass ich es ihm nicht übelnahm dass er mich so beständig anschaute, ganz im Gegenteil, ich wünschte mir dass er mich weiterhin so ausdauernd anschauen sollte. Es war irgendwie beruhigend. Der Gedanke dass er schwul sein könnte war einfach vergessen! All meine Aggressivität hatte sich in nichts aufgelöst. Ich war wieder still und saß einfach nur da ohne zu einem vernünftigen Gedanken fähig zu sein. Aber in diesem Moment war es mir angenehm nicht zu denken zu müssen sondern nur zu fühlen. Ich weiß nicht wie ich es anders sagen soll, es war auf einmal eine absolute Ruhe in meinen Gedanken, fast so, als wenn ich, wie ein Computer am rebooten wäre. Es gab in diesem Moment keinerlei geistige Aktivität in meinem Kopf. Um es so zu sagen, es funktionierten nur die Lebenserhaltenden Sisteme. Alles war völlig neutral und absolut wertfrei und ohne jede Bedeutung und jeden Inhalt. Es war als wenn ich für einen Augenblick abgeschaltet worden sei und wieder neu angelaufen sei. Ich hatte mein eigentliches Vorhaben nicht vergessen, aber es erschien mir auf einmal nicht mehr ganz so dringend, so zwingend und fordernd. Diese Person an meiner Seite war mir in diesem Moment aus einem unbestimmbaren Interesse heraus wichtiger, wenn mir auch der Grund und die Notwendigkeit ihres Hierseins nicht klar war. Ich konnte mich immer noch nicht an die Gründe erinnern weswegen ich mich töten wollte und erwartete eigentlich insgeheim dass dieser Mann etwas sagen würde was mir die nötige Spannung und Wut, um mein Vorhaben nicht zu vergessen, erhalten würde. Aber nein, was er mir sagte war einfach, „die Kinder würden dich sehr vermissen,  vor allem Frank und ihr Leben würde sich durch deinen Tod hier in diesem Steinbruch dramatisch verändern. Du kannst jetzt noch nicht sehen wie wichtig du für diese Menschen bist. Aber glaub mir du wirst es in Zukunft sehen und fühlen können und das wird dir in vielen Situationen sehr helfen. Die Liebe dieser Kinder zu dir wird dir noch sehr viel Freude und Kraft bringen.“ „Um deine Herzkrankheit und deinen allgemeinen gesundheitlichen Zustand mach dir mal keine Sorgen. Ich versichere dir du wirst mehr als siebzig Jahre alt werden und du wirst fast alle Tage deines Alters genießen.“ „Denn du bist gesegnet weil du ein guter Mensch bist und deine Fähigkeit bedingungslos zu lieben ist wirklich außergewöhnlich, wenn sie auch anderen Menschen oft als dumm erscheint, für uns alle ist sie ein Anlass dich zu lieben!“ „Fahre jetzt nach Managua und besuche deine Kinder, du wirst sehen dass ich recht habe. Danach gehe zu deinem Freund Evelio und bleib bei ihm bis dich die Ärzte an deinem Herzen behandeln werden.“   Ich hatte wohl alles gehört saß aber da wie ein Idiot zu dem man redet und der aber nichts versteht, ich begriff nicht den Sinn der Worte und die Zusammenhänge die er in Bezug auf mich gesagt hatte. Da Einzige was mir einfiel war zu fragen „wer ist das alles der mich außer meinen Kindern liebt, und wer bist du überhaupt?“ Die eigentlich logische Frage zu stellen, woher er das alles  von meinen Kinder, meiner Krankheit usw. wusste und auch von meiner Absicht wegen der ich ja doch hier war, fiel mir gar nicht erst ein. Aber fest stand, ich hatte ihn vorher noch nie gesehen, denn so eine besondere Gestalt, hier in dieser Gegend hätte ich mit Sicherheit nicht vergessen. Aber ich bemerkte in diesem Moment so vieles nicht, ich bemerkte nicht den Moment in dem ich meine Absicht wegen der ich hier war einfach vergaß, ich bemerkte nicht wie meine Liebe zu den Kindern mich „heilte“.
 
Ja, ich hatte ja noch nicht einmal bewusst darüber nach gedacht wie das alles gekommen war. Auf einmal fielen mir wieder all die Gründe ein derentwegen ich mich hatte töten wollen. Und bei jedem Grund der mir wieder einfiel schämte ich mich zutiefst für meine Feigheit und Egoismus. Jetzt berührte mich der Mann mit seiner Hand zart am Kopf und strich mir wie einem kleinen Kind über das Haar und es kam mir absolut nicht seltsam vor dass er das tat. Während er mir in die Augen schaute sagte er zu mir „Jetzt ist alles gut, Jetzt brauchst du mich nicht mehr!“ Ich senkte den Kopf und hatte mit den Tränen zu kämpfen, die aus der Gegenwart geboren, bis weit weit bis in meine Kindheit zurück reichten. Es waren Tränen die ich als Kind und dann als Erwachsener nie geweint hatte. Und wieder fiel ich, in diesen Zustand des „rebootens“. Als ich mich nur Sekunden später umschaute war ich alleine im dem Steinbruch.
 
Klaus D. Bresselschmitt (besten Dank für die Genehmigung!)